Aschaffenburg News - Beurteilungspraxis an bayerischen Schulen zementiert strukturelle Benachteiligung von Frauen

Von der Beurteilung hängen eine bessere Bezahlung und Karrieremöglichkeiten ab. Dabei soll die Beurteilung gerecht sein. Doch vor allem Frauen in Teilzeit werden in der Praxis der Beurteilung benachteiligt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zweifelt den Sinn der Regelbeurteilungen an und fordert in Zeiten der akuten Arbeitsüberlastung und des Lehrkräftemangels deshalb die Abschaffung. „Es sind schwierige Zeiten an den Schulen – Krisen und vor allem der Mangel an Fachkräften belasten die Kolleginnen und Kollegen sehr“, berichtet Ruth Brenner, Gewerkschafterin bei der GEW Bayern und Mitglied im Hauptpersonalrat. „Und nun sorgt in vielen Kollegien die Eröffnung der Beurteilung für Unfrieden. Viele Lehrkräfte fühlen sich nicht entsprechend wertgeschätzt und wenden sich an den Personalrat.“ Ruth Brenner ist sich sicher, dass die Beschwerden berechtigt sind. „2019 ergab eine schriftliche Anfrage der SPD im Bayerischen Landtag, dass beispielsweise an der Grund- und Mittelschule 14% der guten und sehr guten Bewertungen an Männer gingen und nur 8% an Frauen. Und 12% der besten Beurteilungen entfallen auf Lehrkräfte in Vollzeit, nur 6% davon auf Lehrkräfte in Teilzeit, obwohl in den Richtlinien festgeschrieben ist, dass sich eine Teilzeitbeschäftigung nicht nachteilig auswirken darf. Dabei sind über 70% der Beschäftigten im Schulbereich Frauen, an Grundschulen sogar an die 90%. Und es sind immer noch vor allem Frauen, die in Teilzeit arbeiten und nebenbei die Care-Arbeit leisten. Frauen werden bei der Dienstlichen Beurteilung systematisch benachteiligt.“

Auch die schriftlichen Abfragen in 2011 und 2016 der Grünen und der SPD bestätigen dieses Bild. Hauptpersonalrat und stellvertretender Vorsitzender der GEW Bayern Florian Kohl kritisiert die Praxis der Dienstlichen Beurteilung in Bayern ebenfalls. „Andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Hessen haben keine Regelbeurteilung. Hier wird nur dann beurteilt, wenn es auch Sinn macht, beispielsweise bei der Verbeamtung auf Lebenszeit oder der Bewerbung auf einen Schulleitungsposten. Das reicht vollkommen. In Bayern macht die Regelbeurteilung vor allem viel Arbeit für Schulleitungen. Die sind in den letzten Jahren aber bereits über das Maß hinaus belastet worden und würden von einer Abschaffung profitieren. Sie hätten wieder mehr Zeit, sich um Schulentwicklung und das Tagesgeschäft zu kümmern.“ Kohl hält die Regelbeurteilung generell für kein geeignetes Instrument zur Personalführung und plädiert für die Abschaffung. „Die Beurteilung schwebt stets wie ein Damoklesschwert über den Kolleginnen und Kollegen, die sich quasi im Wettbewerb um die besten Noten befinden. Dabei ist die Leistung einer Lehrkraft in meinen Augen überhaupt nicht definier-, geschweige denn messbar. Die Arbeitsfelder sind in und über die Schularten hinaus viel zu unterschiedlich. Kollegien sollten zusammenarbeiten und sich als Teams begreifen können, Schulleitungen vor allem im Sinne einer positiven Feedbackkultur motivierend agieren dürfen. Die Regelbeurteilung erschwert das ungemein. Und ein Instrument, das Frauen strukturell benachteiligt, braucht niemand.“

Bereits vor 30 Jahren gab es fundierte Kritik an der Regelbeurteilung. Professor Rosenbusch, lange Lehrstuhlinhaber Schulpädagogik in Bamberg, veröffentlichte bereits 1992 eine Untersuchung zur Schulaufsicht in Bayern, attestierte ein „strukturell gestörtes Verhältnis“ zwischen Lehrkräften und Schulaufsicht und zitierte Professor Weinert mit folgenden Worten: "In Wirklichkeit ist die derzeit in Bayern durchgeführte Regelbeurteilung nichts anderes als eine grandiose Vergeudung von personellen Ressourcen und fachlichen Kompetenzen. Im Sinne einer Förderung der Qualität von Schule wirkt sie eher kontraproduktiv, da das Verhältnis der Lehrkräfte zur Dienstaufsicht unvertretbar gestört und die professionelle Selbstachtung und Identität von Lehrkräften in Frage gestellt wird."


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