Zweite Heimat Aschaffenburg – Zum Tod von Helen Feingold

Helen Feingold, vermutlich ca. 1990 (Foto: Privatbesitz)

Aschaffenburg
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Zusammen mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester konnte Helen Feingold, geborene Hella Strauß, als eine der letzten jüdischen Bürgerinnen Aschaffenburg Ende April 1941 verlassen, bevor das NS-Regime die Reisemöglichkeiten eingeschränkte und die Massendeportationen zu planen begann.

Am 17. Mai 2024 ist sie in ihrem 100. Lebensjahr in New York gestorben. Hella Strauß wurde 1924 in Würzburg geboren, wo ihre Eltern Denny Strauß (geb. 1899 in Alsfeld, gest. 1982 in New York) und Therese Dora, geb. Solinger (geb.1899 in Aschaffenburg, gest. 1988 in New York) geheiratet hatten. Schwester Gerda kam 1929 zur Welt. Denny Strauß stammte aus einer Kaufmannsfamilie und absolvierte eine Lehre bei einer Würzburger Textilwarenfirma, für die er bis 1932 als Handelsvertreter unterwegs war. Später arbeitete er für verschiedene Firmen in der Textilbranche. Therese Solinger hatte die Höhere Töchterschule in Aschaffenburg besucht und als Verkäuferin gearbeitet, ab 1920 in Würzburg. Im April 1939 zog die Familie von Würzburg nach Aschaffenburg, wo sie bei den Großeltern mütterlicherseits, Samson und Sophie Solinger, in der Fabrikstraße 12 wohnte. Aschaffenburg war Hella Strauß bereits sehr vertraut, weil sie die Schulferien immer bei den Großeltern verbracht hatte und viel Freundinnen hier besaß. Aschaffenburg war ihr zur zweiten Heimat geworden. „Aschebergerisch" beherrschte sie zeitlebens fließend.

Familie Strauß gelang es 1941, Einreisepapiere für die USA zu bekommen, weil Verwandte bereits Jahre zuvor ausgewandert waren, die die Bahn- und Schiffstickets finanzieren konnten und deren Arbeitgeber die Bürgschaft übernahm. Mit dem Zug gelangte die Familie über Frankreich nach Bilbao in Nordspanien, wo sie drei Wochen auf ihre Weiterreise mit dem Schiff wartete. Die Familie ist auf der Passagierliste des spanischen Dampfers „Marques de Comillas" verzeichnet, der am 22. Mai 1941 von Bilbao über Vigo (Galicien, Nordwest-Spanien) und Havanna auf Kuba nach New York fuhr. Der Zwischenstopp in Havanna betrug drei Tage, dann wurde die Reise fortgesetzt und am 3. Juli 1941 Ellis Island, New York erreicht. Da der Vater herzkrank war, gab es jedoch Probleme mit der Immigrationsbehörde, so dass es weitere drei Wochen dauerte, bis die Familie offiziell in die USA einwandern durfte.

Jedes Familienmitglied durfte nur ein Gepäckstück mitnehmen und 10 Reichsmark. Der Fluchtrucksack von Hella Strauß ist heute im Museum jüdischer Geschichte und Kultur in Aschaffenburg ausgestellt und ein ganz zentrales Objekt der Präsentation. In New York arbeitete Hella Strauß zunächst als Dienstmädchen und dann in Fabriken. 1945 heiratete sie Leopold Feingold. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Aus Hella Strauß wurde Helen Feingold. Seit 1968 hat Helen Feingold immer wieder Aschaffenburg besucht und regelmäßig Kontakt zur Stadt und Freunden gehalten. Zuletzt war sie 2008 zu Besuch. Ihr war es immer wichtig herauszustellen, dass die jetzige Generation nicht verantwortlich ist für die Verbrechen des Nazi-Regimes und für das Schicksal ihrer Familie, in der allein mütterlicherseits mehr als 46 Personen im Holocaust ums Leben gekommen sind. Sie hat sich stets für Aufklärung und Offenheit engagiert. Alle, die Helen Feingold kennengelernt haben, werden sie als aufgeschlossenen, herzlichen und fröhlich-zuversichtlichen Menschen in Erinnerung behalten.


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